Wie Musik die Welt erschafft – Dossier

Ein erzählendes Sachbuch von Sebastian Sylla über die gesellschaftliche und geistige Wirkung von Musik – zwischen Kulturgeschichte, Wahrnehmungspsychologie und Gegenwartsanalyse.

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Kurzbeschreibung

Das Buch untersucht Musik nicht als Unterhaltung, sondern als gestaltenden Faktor von Denken und Verhalten.
Es zeigt anhand historischer Beispiele und moderner Hörgewohnheiten, wie Musik Wahrnehmung formt und kulturelle, soziale und politische Wirklichkeiten stabilisiert oder verändert.

Dabei verbindet es musikalische Praxis, kulturgeschichtliche Beobachtung und philosophische Reflexion zu einer allgemein verständlichen Darstellung.

Der Text richtet sich weniger an Fachpublikum als an Leser, die verstehen möchten, warum Musik in Gesellschaften stets mehr war als ästhetischer Ausdruck.

Geeignet für Gespräch, Essay-Beitrag oder kulturjournalistische Diskussion.

Auszug

Kapitel II: Universelle Musik

Von China aus unternehmen wir nun eine Reise nach Indien. Wieviel Bedeutung und Macht der Musik beigemessen wurde, kann man dort besonders gut nachverfolgen, denn einiges von dem alten Wissen ist bis heute in der traditionellen Musiklandschaft erhalten geblieben. Die Geschichte von dem Musiker Gopaul ist zwar unheimlich, jedoch liefert sie ein gutes Beispiel über die Macht von Musik, auch unmittelbar auf das Materielle einzuwirken.

Feuermusik

Der Großmogul Akbar betrachtete die hölzerne Figur, die ihm von dem Fürsten Raja Bharmal geschenkt worden war. Sie war nur ein Geschenk von vielen, die Bharmal anlässlich der Hochzeit Akbars mit dessen schöner Tochter Hira seinem Herrscher gemacht hatte. Akbar zog leicht angewidert die Stirn kraus, denn dieses Geschenk schien ihm das Unpassendste von allen zu sein. Die Statue stellte offensichtlich einen Dämon dar: fünf Köpfe baumelten auf einem schmalen, gekrümmten Hals, der aus einem echsenähnlichen Leib erwuchs, mit menschlichen, aber krallenbewehrten Füssen.

Akbar bevorzugte die bunten Abbilder der indischen Gottheiten, doch natürlich befanden sich auch zahlreiche teuflische und dämonische Statuen in seiner Sammlung. Doch diese Fratze war ihm bislang noch nicht untergekommen. Sowohl angeekelt als auch fasziniert von der Figur, entsandte er einen Boten zu Bharmal, mit dem Befehl, dass der Großmogul hinsichtlich dieses sonderbaren Geschenks aufzuklären sei.

Der Fürst schickte unverzüglich einen seiner engsten Berater, der sich zuerst ausgiebig für die versäumte Erklärung seines Herrn entschuldigte und dann erläuterte, dass es sich bei der Statue um ein Abbild des persischen Dämons Mahidis handelte.

„Aha“, nickte der Großmogul neugierig. „Und was hat es mit diesem Mahidis auf sich?“

„Da der Große Akbar als Liebhaber der Musik gilt“, holte der Berater aus, „so darf er nach Herhalten des Fürsten nicht kenntnislos bleiben in Bezug auf die wundersamen und mächtigen Lieder des Dämons Mahidis, von dessenn Köpfen ein jeder einen Raga komponiert hat. Diese fünf Ragas, so sagt man, gehören zu der ältesten bekannten Musik und sie sind von solcher Kraft, dass heutzutage niemand den Mut hat, sie zu singen.“

Akbar machte große Augen. Das hörte sich interessant an.

„Und um welche Kräfte handelt es sich?“, fragte er und hatte Mühe, seine kaiserliche Haltung zu wahren und seine Neugier zu zügeln.

Der Berater räusperte sich mehrmals und holte tief Luft.

„Einer der Ragas, wenn gesungen, lässt sofort die Nacht hereinbrechen und beschwört, so weit die Stimme trägt, einen Kreis von solcher Dunkelheit, dass die Nacht dagegen wie der helllichte Tag erscheint. Ein anderer, den man Dipaka nennt, erzeugt eine solche Hitze, dass sich alles in sengendem Feuer entzündet und sogar den Sänger zu Asche verbrennt.“

„Was ihr nicht sagt!“, rief der Großmogul aus. „Solch eine furchterregende Kraft besitzen diese Lieder?“

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Eine natürliche Kraft

Zugegeben, diese überlieferte Geschichte über Akbar, Gopaul und die zerstörerische Kraft des Raga Dipaka, ist nicht nur grausam, sondern auch unheimlich. Dass ein Musikstück eine solche Wirkungskraft haben soll, dass sogar Materie damit beeinflusst wird, ist für den neuzeitlichen, sich für aufgeklärt haltenden Menschen nur schwer vorstellbar. Wenn wir von solch faszinierenden Begebenheiten hören, tendieren wir lieber dazu, sie ins Reich des Mythos zu verbannen, als ihnen tatsächlich Glauben zu schenken. Doch die alten Inder – und wie wir bereits erfahren haben, auch die alten Chinesen – waren überzeugt von dieser übernatürlichen Macht, die Musik, beziehungsweise Klang, auf die Welt ausübt. In deren Verständnis war es gerade eben keine übernatürliche, sondern eine absolut natürliche Kraft. Der Einfluss der Musik beschränkte sich nicht nur auf eine subtile oder vage Gefühlswelt oder einen nicht wirklich fassbaren Geistraum, sondern erstreckte sich auch unmittelbar auf die dingliche Welt.  Die Möglichkeit, durch Musik Feuer zu erzeugen, ist nur ein Beispiel. Die Geschichte eines Mädchens, das einen bestimmten Raga sang, um damit Regen zu erzeugen, der einer Missernte und damit einer Hungersnot vorbeugte, klingt schon um einiges erfreulicher (und erinnert an die Regentänze amerikanischer Ureinwohner, zu denen ja auch eine spezielle Musik gespielt wird).

Allumfassende Musik

Einem Raga wohnte immer eine spezifische Kraft inne, die nicht unbedacht freigesetzt werden durfte, da sie ansonsten die natürliche Ordnung durcheinander gebracht hätte (siehe altes China). Für jeden Anlass – und dazu gehörte zum Beispiel auch die Tageszeit – gab es einen bestimmten Raga, der nicht außerhalb dieses Anlasses gespielt oder gesungen wurde. Ein Morgen-Raga zum Beispiel durfte nicht mittags oder abends erklingen, da er ansonsten wider die Natur gewirkt hätte. Auch hierüber gibt es eine Legende: ein Musiker spielte einen Nacht-Raga zur Mittagszeit, und es wurde unmittelbar dunkel in einem Umkreis, soweit die Klänge der Musik trugen.

Auch heute noch respektiert man in Indien den Zusammenhang zwischen Tageszeit und Raga, und es gilt als ignorant, von einem Musiker einen Raga zu verlangen, der nicht zum Tagesrhythmus passt.

Musik bezog sich auf Sternzeichen, Planeten, Wochentage, Jahreszeiten, Geschlechter, Elemente, Vogelstimmen, menschliche Temperamente, Farben, Alter und alles mögliche Andere; schlicht und einfach die ganze Welt, das Universum. Da kann man sich vorstellen, wie umfassend geschult ein Musiker sein musste. Seine Fähigkeiten beschränkten sich nicht nur auf die künstlerische Seite und das instrumentale Handwerk; er musste auch Bescheid wissen über die universellen Gesetze und Zusammenhänge, sprich einem ausgewogenen materiellen wie auch spirituellen Anspruch genügen (Wir erinnern uns an das Zitat aus China: „Man muss die Noten kennen!“). Ein nachlässig vorgetragenes Musikstück gefährdete nämlich die „außermusikalischen“ Potentiale eines Ragas.

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