Morgentanz – Dossier
Ein Roman von Sebastian Sylla über Macht, Erlösung und die Entstehung neuer Ordnungen.
Kurzbeschreibung
Der Roman spielt in einer Welt im Übergang, in der politische Systeme instabil werden und spirituelle Bewegungen gesellschaftlichen Einfluss gewinnen. Mehrere Figuren geraten in ein Geflecht aus Machtinteressen, Projektionen und persönlicher Sehnsucht nach Sinn.
Die Handlung verbindet Thriller-Elemente, Satire und existenzielle Fragen und untersucht, wie äußere Autorität und innerer Anspruch ineinandergreifen.
Musik ist dabei nicht nur Motiv, sondern Teil der Handlung und erweitert den Text um eine hörbare Ebene.
Erschienen im LyraNova Verlag
Mögliche Formate
Gespräch, Besprechung oder literarische Diskussion.
Auszug
Prolog
Enter.
Die Eingabeaufforderung pulsierte in leidenschaftsloser Beständigkeit auf dem altmodischen Monitor, der an den Kristallcomputer angeschlossen war, sichtbar, unsichtbar, sichtbar, unsichtbar. Diese meditative Gleichgültigkeit teilte der Präsident von Europa, der nun schon seit einer halben Stunde vor dem Bildschirm stand, nur, was seine äußere Haltung anbelangte. Innerlich pochte sein Herz in einem unbeständigen Rhythmus, heftig, schwach, schnell, langsam, ziehend, weitend, je nachdem, welche Gedanken und Gefühle ihn gerade überkamen.
Dieser emotionale Ansturm kam nicht überraschend, war jedoch heftiger, als der Präsident es erwartet hatte. Fast übermannte ihn sogar ein längst vergessenes Panikgefühl, welches er zuletzt vor einem Jahr gehabt hatte. Doch damals war er ein gänzlich anderer Mensch gewesen, an den er sich kaum noch erinnern konnte.
Dieser Mensch hatte als Pizzabote gejobbt. Hatte Blues gehört. War einsam gewesen. Hatte sich beim Masturbieren geschämt. Hatte vom Leistungsamt gelebt.
Ach ja, das Leistungsamt. Das würde es auch nicht mehr geben.
Sofern er die Enter-Taste drücken würde.
Viele Ämter würden unnötig werden. Dafür müsste es etwas Neues geben. Gemeinschaften vielleicht. Oder Fakultäten. Kollektive.
Präsident Simon runzelte die Stirn.
Nein, das passte alles nicht. So vielen Begriffen haftete ein widersprüchlicher Aspekt an, der nicht mehr zeitgemäß war. Zuviel Missbrauch steckte in diesen Bezeichnungen. Allein schon seine eigene! Präsident! Einer, der vorsitzt. Wo er doch als Schüler ständig nachsitzen musste, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht und zu viele Stunden versäumt hatte.
Wie viele Präsidenten waren nur Marionetten, Spielbälle oder Schauspieler? Wie viele waren mehr an sich als an ihrer Nation, geschweige denn den Menschen interessiert? Wie viele saßen nur einer illusionären Hierarchie vor?
Präsident Simon schmunzelte, als er an die Gespräche mit Luther, dem amerikanischen Präsidenten dachte, der ganz offenherzig über die verborgenen Machenschaften geplaudert hatte, die hinter seinem Rücken abgingen. Zumindest bemühte sich Luther, die Marionettenfäden nach und nach durchzutrennen, was ihm mittlerweile so halbwegs gelang. Jetzt, wo aus Europa ein ganz neuer politischer Wind wehte.
Und er selbst? Machte er alles richtig? War er ein guter Präsident? Konnte er Europa gut vorsitzen?
Ach, Europa, seufzte Präsident Simon. Wieder so ein Begriff, mit dem er nichts anfangen konnte. Entscheidend waren doch die Menschen, um die er sich mit seinen Möglichkeiten kümmern sollte. Aber noch waren Menschen eben unterteilt in Völker, Ländergruppen, Nationen, auch wenn die Bedürfnisse und Wünsche, die Ängste und Hoffnungen, die Freude und das Leid mehr oder weniger überall die gleichen waren. Irgendwann würde auch der Begriff Europa, abgesehen von seiner historischen, nur noch seine geografische Bedeutung beibehalten, weil die seit einiger Zeit auf der Erde stattfindenden geografischen Veränderungen ihr Übriges taten, um eingefahrene Denkmuster in Bezug auf nationale Grenzen aufzuweichen.
Der Präsident musste grinsen, als er auf die neue Landkarte schielte, die über dem Schreibtisch hing.
Ja, die Welt wurde buchstäblich verrückt. Aber er hatte genug erfahren, um die Bedeutung des Wortes verrückt als positiv aufzufassen.
Aber war es nicht verrückter als verrückt, nun auf diese Enter-Taste zu drücken?
Würde nicht ein weltweites Chaos ausbrechen? Hatten sein Beraterstab, sein Lieblingsminister und seine Lieblingskommissarin alles genügend vorbereitet? War es nun wirklich soweit? Oder war vielleicht alles nur Fake? Was, wenn ein Programmierfehler vorlag? Vielleicht würde ja auch gar nichts passieren, wenn er Enter drückte. Ein leises Plopp, eine Rauchfahne und ein dahinschmelzender Computer.
Obwohl – Präsident Simon bezweifelte, dass der Kristallcomputer durchbrennen konnte. Er brauchte ja noch nicht einmal Strom. Obwohl es den seit der allmählichen Einführung freier Energietechnologien ja im Überfluss gab. Ein Grund mehr und ein Bedenken weniger, auf die Eingabetaste zu drücken.
Präsident Simon konnte sich nicht entscheiden. Immer wieder versuchte er, auf sein Herz zu hören, doch es pochte so laut, dass er die Botschaft nicht verstand.
»Du weißt es!«, hörte er die Stimme seiner Seele. Neben sich.
[Auszug endet hier]
