Männer, die im Abseits stehen – Dossier
Ein Erzählband von Sebastian Sylla über Männer im Alltag zwischen Erwartung, Rückzug und dem Versuch, sich selbst zu verstehen.
Kurzbeschreibung
„Männer, die im Abseits stehen“ ist ein literarisches Werk über männliche Biografien, stille Verletzungen und die unsichtbaren Dynamiken moderner Beziehungen.
Es beschreibt das Abseits nicht als äußere Randposition, sondern als inneren Zustand.
Die Geschichten begleiten Männer beim Lieben, Arbeiten und Funktionieren. Sie bewegen sich auf den (Berliner) Straßen des Alltags ebenso wie in inneren Räumen von Unsicherheit, Sehnsucht und Brüchen.
Der Ton wechselt zwischen Humor, Direktheit und stiller Beobachtung. Vertraute Situationen geraten aus dem Gleichgewicht und zeigen, wie Figuren versuchen, eine eigene Haltung zu finden, ohne sich hinter Rollen zu verstecken.
So entsteht ein literarischer Blick auf männliche Verletzlichkeit, der sowohl Männer als auch Frauen betrifft.
Erschienen im LyraNova Verlag
Mögliche Formate
Gespräch, Lesung oder redaktionelle Besprechung.
Auszug
Veit, der nie in den Krieg gezogen ist
„Ich kann echt nicht glauben, dass du dich für Sonntag verabredet hast, Veit!“, sagte Doreen. Ihr Kopf schaute zur Seite, aber ihrer Augen schielten ihn direkt an. Veit war dieser schräge Blick, wie er ihn nannte, längst vertraut. In ihm lag jene Mischung aus Empörung und Fassungslosigkeit, die ein von ihm geschätzter Comedian so treffend schauspielerte, mit dem Unterschied, dass das hier gar nicht lustig werden würde.
Veit hasste die absichtlich platzierte Stille, mit der Doreen diesen Blick untermauerte, aus zwei Gründen: erstens würde er die nun folgende Auseinandersetzung auf jeden Fall verlieren, denn gegen das Waffenarsenal an Wortgewalt und Mimik, das Doreen zur Verfügung stand, nahmen sich seine verbalen Stottereien und sein versteinerter Blick wie eine Wasserpistole aus. Eine, die nur vereinzelte Tropfen auf Doreens heißen Stein abfeuern konnte. Zweitens, und das empfand er innerlich als die weitaus größere Niederlage, verlor er nach solch einem Streit jedes Mal ein bisschen mehr Interesse an ihr. Sie kam ihm plötzlich ganz unattraktiv vor. Die Vorstellung, mit ihr zu schlafen, weckte Abscheu. Der Gedanke an gemeinsame Unternehmungen schnürte ihm die Kehle zusammen. Die Erkenntnis, dass sie zwei Kinder hatten, die sie miteinander großziehen mussten, verursachte Panik. Die Erinnerung, dass er sich einst in sie verliebt hatte, war wie ein Stück verbranntes Papier, das aus dem Feuer der Leidenschaft in die kalte Nacht emporstieg, um dort im erstickenden Rauch zu zerbröseln.
„Nur zur Info, ich gehe jeden Sonntag Fußball spielen“, sagte er, runzelte die Stirn und versuchte ebenfalls fassungslos dreinzublicken. Er wusste, er sah lächerlich aus dabei.
Sie starrte ihn an. Ohne zu blinzeln. Ohne eine Regung. Ohne etwas zu erwidern.
Veits innerer Verteidigungsminister erhob sich aus den Eingeweiden und legte schon mal prophylaktisch den üblichen Entwurf vor: „Zumachen, wir plädieren für Zumachen. Herz und Kopf verschließen. Innerer Rückzug.“
„Ich kann jetzt nicht glauben, dass du das gesagt hast“, brachten Doreens Lippen schließlich hervor.
„Was hab‘ ich denn gesagt?“, wollte Veit sicherheitshalber noch einmal wissen. Er starrte auf ihren Mund. Die Augen schienen ihm zu gefährlich.
„Dass du dein Verhalten auch noch zu rechtfertigen versuchst!“, formten ihre Lippen eine ihm unverständliche Antwort. Diese Lippen konnten so weich sein, wenn Veit sie küsste, was immer seltener vorkam. Sollte er Doreen einfach küssen? Im Film funktionierte so was doch!
„Sag‘ mal, spinnst du? Jetzt doch nicht!“, rief Doreen und schob seinen zum Kuss heranrückenden Kopf beiseite. „Du willst mich einfach nicht ernst nehmen. Hast du denn nicht gemerkt, dass mir dieser Sonntag wichtig ist?“
„Mir ist Fußballspielen wichtig“, schoss Veit aus seiner Wasserpistole.
„Ach, fick dich!“, war Doreens letzte ballistische Äußerung, bevor sie aufstand und die Küche verließ.
Gut, dass die Kinder schon in der Schule sind, dachte Veit und fragte sich, was an diesem verdammten Sonntag so besonders wichtig war.
„Ich habe echt keinen Bock mehr, Axel!“, gestand Veit seinem Freund und ließ den Kopf resigniert auf den Kneipentisch fallen. „Unsere Beziehung macht mich fertig. Ich hab‘ überhaupt keine Energie mehr. Nicht mal für die Band.“
Axel tätschelte ihm kurz auf die Schulter.
„Kopf hoch, mein Lieber. Das ist normal. Luisa und ich haben sowas auch schon durch.“
„Aber ihr habt keine Kinder. Und lebt polyamourös. Wie kriegt ihr das eigentlich hin?“ Veit richtete sich wieder auf, nahm einen kräftigen Schluck von seinem Pils und schaute Axel fragend an.
„Für uns war das die Lösung. Entweder Trennung oder Öffnung. Wir haben uns für letzteres entschieden.“
„Und das geht? Bist du nicht eifersüchtig?“
Axel rückte näher an den Tisch heran, tat so, als krempele er seine Ärmel hoch, trank sein Glas Wasser aus und sagte:
„Pass auf, Veit, ich erkläre dir jetzt etwas. Verzeih‘ mir, wenn ich dabei etwas besserwisserisch klinge, das ist halt mein Job.“
„Ok“, meinte Veit, der schon immer ein wenig zu Axel aufgeschaut hatte.
„Auf meinen Reisen habe ich eines gelernt, Veit! Deutsche Beziehungen sind von einer ungewöhnlichen Komplexität, der ich derart geballt nirgendwo anders begegnet bin. Natürlich gibt es überall Beziehungsstress und Eifersucht – der Mensch bleibt eben Mensch, egal wo er ist. Aber in Deutschland lastet eine Schwere auf den Geschlechtern, die ihre Ursache im Zweiten Weltkrieg hat.“
„Was?“, unterbrach ihn Veit. „Was kommt denn jetzt?“
„Wart‘s ab. Ist ja auch nur so meine Theorie. Dieses ganze vorwurfsvolle Gehabe seitens der Frau ist auf den unausgesprochenen Vorwurf zurückzuführen, warum der Mann in den Krieg gezogen ist und sie zurückgelassen hat. Und – der Vorwurf geht noch weiter – warum sie, die deutsche Frau, nach dem Krieg diese immense Aufbauarbeit leisten musste und dafür niemals genügend honoriert wurde vom deutschen Mann, der, als er schließlich zurückkehrte, zu traumatisiert war, um seine Wertschätzung zu äußern; ganz im Gegenteil auf die fürsorgliche Seite der Frau angewiesen war. Das bedeutete, dass die Frau niemals ihren eigenen Bedürfnissen nachkommen konnte und heute, wo es ihr möglich wäre, ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen, sie aufgrund des auf ihr lastenden ungelösten Vorwurfskonflikts ihrer eigenen Entfaltung im Wege steht. Da sie unbewusst den Bedürfnissen des Mannes den Vorzug gibt, um das durch den Krieg so zerbrechlich gewordene Wir nicht zu zerstören, verzichtet sie auf ihren eigenen Lebensentwurf. Das führt zu Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit, Unglücklichsein, Depression. Und weil die Ursache dafür nicht erkannt, geschweige denn geheilt wird, muss der heutige männliche Lebenspartner mit so vielen Vorwürfen umgehen. Ausgesprochene wie Unausgesprochene. Und meine Vermutung geht so weit, dass dieser vorwurfsvolle Aspekt sogar die deutsche Mutter-Sohn-Liebe infiltriert hat.“
Axel lehnte sich zurück und grinste.
„Uff!“, machte Veit. „Das ist jetzt aber weit hergeholt.“
„Nur so eine Idee“, sagte Axel und zog die Augenbrauen hoch.
Kein Wunder, dass er eine Professur für Psychologie an der Humboldt bekommen hat, dachte Veit.
„Du meinst also, Doreen ist wütend auf mich, weil ich in den Krieg gezogen bin?“
„Nicht du natürlich. Aber deine, meine, unser aller männlichen Vorfahren. Was glaubst du, wer hat die Kriegsheldenverehrung erfunden, Männer oder Frauen?“
„Na, wenn du so fragst, Männer.“
„Und von wem stammen die Filme, in denen Frauen Kriegshelden verehren?“
„Von Männern?“
„Siehst du, wir Männer wissen unbewusst ganz genau, was für eine Scheiße wir da abziehen in den Kriegen, sind aber zu feige, es einzugestehen. Also verschleiern wir die Wahrheit, indem wir uns einfach für unsere Scheiße loben und so tun, als würden wir für etwas Gerechtes kämpfen. Ich bin mir sicher, keine Frau will, dass ihr Mann in den Krieg zieht.“
Axel stand auf, nahm sein Glas und füllte es sich aus dem Wasserbottich an der Theke nach. Noch bevor er sich wieder ganz gesetzt hatte, fuhr er fort:
„Hinzu kommt übrigens noch ein weiterer Schmerz, der – weil nicht geheilt – zum Vorwurf wird: die Missachtung des Mutteraspekts. Jeder Mensch, der im Krieg getötet wird, war einmal ein Kind, das eine Frau nach neun Monaten vollkommenster Bindung zur Welt gebracht hat. Und die Tötung dieses Kindes stellt eine ungeheuerliche Respektlosigkeit gegenüber weiblicher Schöpferkraft dar.“
„Also ist der zweite Weltkrieg das Problem von mir und Doreen“, schlussfolgerte Veit.
„Aber natürlich!“, rief Axel aus. „Dieser und alle anderen Kriege sind das verdammte Scheißproblem, warum sowohl Mann als auch Frau in einer Identitätskrise stecken. Wobei meine Beobachtungen mir zeigen, dass die Frau uns da schon wieder ein bisschen voraus ist, was die Bewältigung dieser Krise betrifft. Zumindest solange sie Single ist, denn da steht ihr dieser Vorwurf nicht im Weg, auch wenn sie sich natürlich nach einem Partner sehnt. Doch sobald sie in einer Beziehung ist, wird sie ganz schnell zum Opfer dieses kriegsbedingten Vorwurfkonflikts und lebt nicht mehr für sich, sondern für das Wir. Und für dieses, letzlich undefinierte Wir kann weder der nach wie vor kriegsschuldbeladene Mann noch sie selbst sorgen. Für die meisten Paare bleiben dann nur zwei Optionen: sich zu trennen oder nach Konventionen zu leben. Letzteres kann einigermaßen funktionieren – solange es von dem Wunsch nach einer heilen Romantik getragen wird. Eine Romantik, dessen fiktive Erfüllung unsere Gesellschaft in Film, Literatur und Popmusik nachkommt.“
Veit schüttelte den Kopf, als wolle er einen nicht passenden Hut loswerden.
„Das klingt ziemlich zynisch, Axel. Willst du damit sagen, eine Zweierbeziehung ist von vornherein zum Scheitern verurteilt? Hat ausgedient?“
Axel entließ einen schnaubenden Atemstoß durch die Nase. Seine Lippen bewegten sich hin und her, als schmecke er etwas ab. Dann lehnte er sich wieder zu Veit, sah ihm direkt in die Augen und flüsterte:
„Ich habe keine Ahnung, mein Lieber! Aber ich sage mir jedes Mal, wenn Luisa mit jemand anderem vögelt – Axel, das ist wieder eine Gelegenheit, für die idiotischen Taten deiner Vorfahren Verantwortung zu übernehmen und dich in Selbstliebe, statt in Eifersucht zu üben. Und weißt du, was dadurch passiert: Luisa schläft am liebsten mit mir!“
„Du wolltest doch um acht zurücksein, Veit!“, sagte Doreen. Sie stand an der Spüle und wusch das Geschirr. Ihre Handgriffe wirkten betont langsam und sorgfältig.
Veit zog seine Jacke aus und warf sie über den Stuhl.
„Es tut mir leid, ich habe mich mit Axel verquatscht. Komm, ich mach das, dann kannst du los“, sagte er und wollte sie liebevoll von der Spüle verdrängen.
„Nein, schon gut. Jetzt ist es sowieso schon zu spät“, erwiderte sie ohne aufzublicken. Sie bürstete mit nachgerade buddhistischer Achtsamkeit einen Teller ab.
„Wieso, es ist zwanzig nach. Dein Kurs beginnt um halb. Du brauchst doch nur zwei Minuten dahin“, entgegnete Veit und machte einen weiteren Spülablöse-Versuch.
„Ich bin noch nicht umgezogen und muss noch ins Bad.“
„Warum hast du dich nicht schon fertiggemacht? Das Geschirr hätte doch auch ich noch spülen können.“
Doreen ließ von ihrer Tätigkeit ab, um ihm ihren schrägen Blick zuzuwerfen.
„Wann? Morgen?“, schnaubte sie. „Woher sollte ich wissen, dass du rechtzeitig kommst?“
„Ich habe eine SMS geschrieben.“
„Die hab‘ ich nicht gelesen. Ich war mit Spülen beschäftigt.“
„Außerdem stehe ich zu meinem Wort.“
„Ach? Das ist ja mal ganz was Neues. Und wie war das mit Sonntag! Oder als du versprochen hattest, die Kinder zu Oma zu bringen, damit wir zum Coldplay-Konzert konnten, was dann ja leider nicht ging!“
„Das war vor zwei Jahren, Doreen! Außerdem konnte Oma nicht…“
„Weil du sie nicht rechtzeitig gefragt hattest.“
„Ich verstehe bis heute nicht, wieso du nicht alleine zum Konzert gegangen bist?“
„Alleine?“
„Oder mit einer Freundin.“
„Ach vergiss es“, winkte Doreen ab, drückte ihm die Bürste in die Hand und sich selbst an ihm vorbei.
„Ich häng‘ mal deine Jacke auf, ja?“, sagte sie noch und riss sie von der Stuhllehne, bevor sie aus der Küche stapfte.
Veit stand einen Augenblick lang unschlüssig da.
„Und wegen Sonntag“, rief er ihr hinterher. „Da hatte ich doch gar nichts versprochen!“
Was auch?, dachte er und machte sich in stiller Wut über das restliche Geschirr her.
